Redaktion Werbemonitor

Hereinspaziert!

Der Werbemonitor ist zu Gast bei Österreichs jüngstem Zirkusdirektor Alexander Schneller im niederösterreichischen Circus Picard. Er empfängt standesgemäß in seinem Wohnwagenbüro. Das Gespräch findet in Laxenburg statt, wo der Zirkus zu dieser Zeit gastiert. Wir gehen der Frage nach, wie ein moderner Zirkus unternehmerisch aufgestellt ist, welche Marketingstrategie der Unterhaltungsbetrieb fährt und wie die Kommunikation aufgebaut ist. Es sind Einblicke in eine nicht alltägliche Welt.

Neben einem bekannten Restaurant in Laxenburg auf einer großen Wiese direkt im Erholungsgebiet wird gerade das Zirkuszelt errichtet. Die Saison hat vor Kurzem begonnen und der Zirkus tourt mit dem neuen Programm „Darf’s a bisserl mehr sein?‟ quer durch Niederösterreich. Beim Eingangsbereich steht ein schöner weißer Wohnwagen, in dem der Chef Besucher in seinem Büro empfängt. Alexander Schneller, der 31-jährige Direktor des Circus Pikard, steht uns Rede und Antwort. Es wird ein sympathisches und offenes Interview, das Einblicke in eine bunte Welt gibt. Neben internationalen Artisten präsentieren sich hier die besten österreichischen Akrobaten in den Shows. Maria Gschwandtner, Kontorsionistin im Circus Pikard, wird bei der Gala des Goldenen Hahns am 12. Juni im Casino Baden ihre besten Kunststücke zeigen. Das Gespräch mit Alexander Schneller führte Sabine Wolfram. Wie auch in dieser Branche üblich sind wir per Du.

Werbemonitor: Alexander, du bist der Zirkusdirektor. Wie lange machst du das schon?

Schneller: Ich mache Zirkus mein Leben lang. Meine Eltern haben den Betrieb 1989 gegründet und in der Zwischenzeit habe ich die Leitung übernommen.

Werbemonitor: Wie viele Vorstellungen gebt ihr pro Jahr?

Schneller: Ungefähr 150 Vorstellungen in neun Monaten. Abhängig davon, wie viele Shows es noch gibt, z. B. für Schulen oder Firmen. Die restliche Zeit ist Winterpause, in der die neue Show produziert wird. Wir bringen jedes Jahr ein anderes Programm mit einem neuen Motto heraus. In diesem Jahr bleibt die Zirkusfamilie gleich, aber wir bringen neue Sparten der Artistik heraus mit neuen Kostümen und anderer Musik. Das ist auch unser Geheimrezept, bekannte Gesichter, aber die Zirkusfamilie Pikard erfindet sich jährlich neu.

Werbemonitor: Wie groß ist euer Team?

Schneller: Mit den Kindern sind wir rund zehn Personen. Wenn diese, sie sind 14, zehn und acht Jahre alt, krank sind oder einmal nicht wollen, dann müssen sie nicht auftreten. Die Show ist so konzipiert, dass das gar nicht auffällt. Aber es sind echte Zirkuskinder, sie lassen sich nicht aufhalten und stürmen in die Manege. Wir haben Spaß in unserem Beruf und das sieht man. Das ist mir persönlich auch wichtig, weil es heutzutage mehr denn je um den Familienzusammenhalt geht. Das ist ein Wert, der vermittelt wird, und der zählt weitaus mehr als das riesige Zelt oder die Megatechnik. Die Leute kommen wegen der Show. Die Artisten sind mit dem Herzen, dem Hirn und mit Charme dabei.

Werbemonitor: Wie entsteht euer Programm und wie viel Zeit benötigt ihr, bis die Show steht?

Schneller: Wir haben keine Meetings oder sitzen am runden Tisch, aber es wird definitiv mit allen besprochen. Mal sitzen wir zu zweit, mal mehrere Personen zusammen und meine Mama segnet am Ende alles ab. Sie lässt mir sehr viel Freiraum, stellt aber auch vieles infrage, weil sie die Erfahrung hat. Jeder überlegt sich aber für sich selbst etwas Neues und trotzdem etwas Gemeinsames. Nach der jeweiligen Premiere beginnen wir, daran zu denken, was wir im nächsten Jahr anbieten, und studieren zum Teil über den Sommer ein.

Werbemonitor: Könnt ihr euch aus den Einnahmen, die ihr generiert, finanzieren?

Schneller: Ja! Alles, was zum Circus Picard dazugehört, sorgt im Endeffekt dafür, dass die Zirkusfamilie davon leben kann. Wir haben externe Events wie Vermietungen, Sondervorstellungen für Firmen oder für ganze Schulklassen. Bei uns wird die Öffentlichkeitsarbeit sehr in den Vordergrund gestellt. Wir freuen uns, erwähnt zu werden, da spielt nicht das Geld die Rolle, aber der Werbewert. Im selben Atemzug haben wir auch unsere Benefizveranstaltungen. Dabei stehen wir als Veranstaltungsort zur Verfügung und jemand anderer, z. B. ein Verein, organisiert. Daraus entstehen oft viele weitere Veranstaltungen.

Werbemonitor: Wer sind eure Zielgruppen? Wie habt ihr sie definiert?

Schneller: Junge Familien, Eltern, im Alter zwischen 20 und 40 Jahren, mit ihren relativ jungen Kindern; Kinder bis zum Alter von zehn Jahren. Aber tatsächlich sind unser Hauptzielpublikum die Kinder und das schon ab einem Jahr bis zu 8 Jahren. Das hat den Grund, dass die Kinder heute viel schneller erwachsen werden und der Zirkus schnell als uncool gilt, wenn sie uns nicht kennen. Unsere Fans kommen ohnehin in jedem Alter. Wir versuchen, unsere Eintrittspreise gerade für junge Familien leistbar zu halten. Es ist natürlich nicht leicht bei dem Aufwand, den wir haben, und bei den Ausgaben. Es ist uns wichtig, die Waage zu halten, denn alles, was nix kost’, ist nix wert. Wir haben z. B. keine Gratiskarten. Warum soll ich unseren Betrieb verschenken?

Werbemonitor: Wie habt ihr eure Kommunikation aufgestellt?

Schneller: Wir haben eine sehr schöne Geschichte zu erzählen. Ich möchte noch etwas ausholen. Anfang der 90er haben wir begonnen und da hat Werbung noch so ausgesehen: eine Woche zuvor, wenn überhaupt. Es gab kein Internet, kein Facebook, keinen Öffentlichkeitsauftritt, das war ja damals richtig wunderschön, romantisch. Es gab zehn Werbeaufsteller aus Holz, auf denen die Plakate mit Kleister angeklebt waren. Die Infos hat meine Mutter per Hand auf A3-Zettel geschrieben, z. B. Laxenburg von/bis um so und so viel Uhr. Diese wurden eine Woche vorher aufgestellt und es hat funktioniert. Das war es. Volle Zelte!

Die Artisten sind mit dem Herzen, dem Hirn und mit Charme dabei.

Gerade in Niederösterreich war in den 90ern die Glanzzeit des Zirkus. Die 2000er-Jahre haben einen großen Umbruch mit sich gebracht. Die EU-Grenzöffnungen gestatteten vielen weiteren Zirkussen, nach Österreich einzureisen. Eben die freie Marktwirtschaft. Wir könnten ebenso in Deutschland und Belgien spielen, aber das interessiert uns nicht. Es kamen zu Spitzenzeiten bis zu 20 Zirkusse hierher, viel zu viele. Das Überangebot hat den Zirkus in der Öffentlichkeit sehr in den Schmutz gezogen, dann kam das Thema mit den Tieren auf. Man muss auch ehrlich sagen, dass viele Zirkusse ihre Tiere nicht gut behandelt haben. Das ist die Rechnung, die alle Zirkusse zu zahlen haben, dass sich sehr viele der Tiere wegen gegen sie gestellt haben. Hinzu kamen dubiose Billig- und Freikartenaktionen, nur um die Zelte zu füllen. Das hat den Zirkus sehr geschwächt und uns geschadet. Wir haben es bis ungefähr 2010 geschafft, uns da wieder herauszukämpfen und zu positionieren.

Werbemonitor: Das ist ja sehr interessant. Wie sieht es heute mit dem Marketing aus?

Schneller: Unser Marketingkonzept stellt Folgendes dar: Der Zirkus an sich ist Unterhaltung, er soll Spaß machen und die Leute begeistern. Die Stadtväter, die das alles organisieren, dass wir hier stehen dürfen, das Publikum und alle sollen wissen, hier habe ich eine schöne Zeit und den Tieren geht es gut. Das war wichtig, es so nach außen zu tragen, denn dass wir es gut haben und es uns Spaß macht, wissen wir ohnehin.

Wir dürfen in Städten plakatieren, aber wir sind wieder bei den zehn Aufstellern gelandet, denn mehr ist mittlerweile verboten. Diese muss man jetzt auch bezahlen. Wir haben Einschaltungen in Privatradios, wir schauen, dass wir in allen Fernsehsendern unterkommen. Wir haben eine Pressechefin, die darauf achtet, dass wir in allen Printmedien zu finden sind. Wir machen sehr viele Kooperationen und verlosen Eintrittskarten. Natürlich sind YouTube, Facebook und Instagram für uns ganz wichtige Kanäle. Hier sind wir sehr präsent und bespielen mehrere Profile. Wir achten sehr darauf, dass die Bewertungen in Facebook passen, und weisen darauf hin, uns zu bewerten und Feedback zu geben. Mehr denn je ist unser Marketing darauf ausgerichtet, Zirkus für unsere Besucher zu machen.

Werbemonitor: Wie ist eure Strategie auf Facebook und Instagram?

Schneller: Wir erzählen Fotogeschichten mit den Hashtags #circuspikard. Auf Facebook haben wir eine „offizielle‟ Seite und buchen hier Werbung, um uns besser zu positionieren. Die Beträge sind sehr gering und Facebook hat eine enorme Reichweite. Wir stellen Alben online, posten regelmäßig, z. B. vom Ab- und Aufbau, von der Premiere, wo wir gerade sind, oder Charity-Events und versuchen, Persönliches zu zeigen. Ich habe mit „Alexander Schneller‟ ein eigenes Profil. Hier teile ich Bilder von mir als Direktor, Facebook ist natürlich eine Selbstdarstellung und das muss jedem klar sein.

YouTube ist für mich ein zweischneidiges Schwert. Wir haben einige sehr schöne Beiträge veröffentlicht und Berichte aus privaten Fernsehsendern. Es gibt aber leider auch Publikum, das mit dem Handy filmt. Aus dem entstehen ein paar verwackelte Aufnahmen und der Ton ist eine Katastrophe. Vielleicht läuft dann bei den Auftritten einmal etwas schief und das ist alles online. Aber das gehört dazu, es ist echt und man kann sich nicht immer nur zu 100 Prozent wunderschön präsentieren. Ich bin auch froh, wenn ein Fernsehteam da ist und wir kein ausverkauftes Zelt haben. Man sieht leere Bankreihen, damit habe ich kein Problem, denn wir sind nicht jeden Tag voll. Wir haben 400 Sitzplätze zur Verfügung und wenn 200 Gäste da sind, passt das auch. Wir machen eine tolle Show und die Stimmung ist gut, dafür muss man nicht ausverkauft sein.

Werbemonitor: Welche Vorlaufzeiten habt ihr?

Schneller: Alles, was außerhalb des Zirkus passiert, z. B. die Medienarbeit, erledigt unsere Pressechefin. Vom Zirkusplatz aus wird die Reklame auf der Straße positioniert, auf Stehern, Laternen oder Brückengeländern. Meine Damen, meine Schwester Ilona und die liebe Danuta, fahren in Geschäfte, in Schulen, Kindergärten und Gemeindeämter und bringen die Flyer und kleine Plakate hin. Also ganz zu Beginn wird die Tournee auf zirkus.at veröffentlicht, das steht schon zwei bis drei Monate im Vorfeld fest. Einen Monat davor wird die Medienarbeit gemacht, da kommen dann gerne mal das Fernsehen und das Radio und zwei Wochen vor dem Gastspiel bringen wir alles auf die Straße und in die Geschäfte.

Werbemonitor: Mitbewerb? Wie positioniert ihr euch gegenüber den großen Shows?

Schneller: Höher, schneller, weiter, das wollen die Leute. Wir bieten aber schöner, detaillierter und noch besser. Ich will ein Niveau halten und das laufend verbessern. Natürlich gibt es riesige Showproduktionen wie den Cirque du Soleil mit 14 Zirkussen weltweit. Damit messe ich mich nicht. Wir sind Circus Pikard. Ich messe mich aber auch nicht mit anderen Zirkussen in Österreich, die unsere Größe haben oder etwas kleiner sind. Ich sehe uns völlig allein stehend. So lasse ich nicht von außen den Druck auf uns zukommen, noch mehr bieten zu müssen.

In unserem Gespräch ging es noch um Tiere, Tierhaltung und darum, wieso der Zeitgeist nach anderen Dingen verlangt. Beim Circus Pikard gibt es Ponys, Hunde und Tauben, denen es wirklich sehr gut geht. Auch Katzen sind dabei, aber nur als Haustiere. Wir hätten unser Gespräch noch lange weiterführen können, denn Alexander Schneller ist Direktor mit Leib und Seele. Er sprüht vor Begeisterung, wenn er über seinen Zirkus spricht. Aber sehen Sie sich das selbst an und besuchen Sie eine Vorstellung des Circus Pikard.

www.circus-pikard.at

 Foto: Robert Rieger / Circus Pikard

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