Futura: Synonym für die klassische Moderne

Futura: Synonym für die klassische Moderne

Das Briefing an Paul Renner, den Gestalter der Futura, lautete: Konzipieren Sie eine „Schrift unserer Zeit“, die eine Antwort auf das Bedürfnis nach Schlichtheit, Zukunftsglaube und revolutionärer Neuheit gibt. Die Futura hat es wie keine andere Schriftart geschafft, wegweisend für Generationen von Designern und Gestaltern die Richtung vorzugeben. Bertram Schmidt-Friderichs, Verleger und Schriftenexperte, analysiert in diesem Artikel, wie die Futura ihren weltweiten Siegeszug antrat, mit welchen Tricks die Gestalter von Schriftgießereien arbeiteten und warum die Futura noch heute die einzige Schrift auf dem Mond ist.

Parallel mit der Futura kamen etliche weitere ähnliche Schriften auf den Markt. Sie waren lange nicht so erfolgreich. Der Gestalter der Futura, Paul Renner, war ein anerkannter Typograf und Künstler der 1920er-Jahre, der schon zu Themen der Typografie publiziert hatte.

Phänomen Futura
Er entwarf eine konstruktivistische, serifenlose Antiqua mit klassischen Wurzeln in den Buchstabenformen der römischen Antike. Aber das alleine beantwortet das „Phänomen Futura“ nicht vollständig, auch wenn die Schrift ästhetisch ein großer Wurf ist. Darüber hinaus war bestimmt der Name eine geniale Idee, denn er war Programm und damit auch für die Kunden sofort überzeugend. Eine Schrift in Blei mit all ihren Schriftgraden und Abstufungen wie halbfett oder kursiv zu kaufen, war für eine Druckerei damals eine große Investition, die gründlich überlegt wurde. Man kann es sich heute kaum noch vorstellen, aber noch in den 80er-Jahren kostete eine gut ausgebaute Schrift schnell einmal einige Tausend DM.

Tricks der Gießereien
Die Bauersche Gießerei in Frankfurt, die Renner den Auftrag gab, unterstützte das Erscheinen der Schrift durch vielfältige Satzmuster, die den Gebrauch in einer modernen und ansprechenden Form vorführten. Dabei scheuten sich die Gestalter der Gießerei auch nicht, „Musteranzeigen“ für bekannte Marken zu erfinden, die so nie in Auftrag gegeben worden waren, aber suggerierten, dass z. B. Henkel oder Mercedes diese Schrift einsetzten. Gleichzeitig waren diese Musterinserate Vorlagen für die Setzereien – sozusagen Gestaltungs-Templates, die den Setzern halfen, den neuen Stil mit qualitativ hochwertigen Anzeigen umzusetzen. Man kann in den Zeitschriften der Zeit Inserate entdecken, die nahezu 1:1 die Futura-Anzeigen der Gießereiproben auf reale Kunden übertrugen.

So kam es zu einem frühen Sog auch von Endkundenseite: Inserenten forderten, dass ihre Anzeige etwa für eine neues Modegeschäft in München aus der Futura zu setzen sei, und zwar bitte von der Eleganz oder revolutionären Gestaltung wie in dieser Futura-Broschüre. Mit jährlichen Neuerscheinungen (begleitet von wiederum vielen gesetzten Mustern) gab es weitere Schnitte der Futura, die zum Teil mit der ursprünglichen geometrischen Form nichts mehr zu tun hatten, wie etwa die Futura Black (1929) oder die Futura Schlagzeile (1932). Das kann wie eine Brand-Extension betrachtet werden: Der gute Name machte die neuen Schriften weiterhin zum Renner.

Reise um die Welt
Und schließlich sorgte eine Internationalisierung der Schrift dafür, dass die Futura sehr bald nicht nur in Deutschland, sondern auch in Europa und der ganzen Welt ihren Durchbruch schaffte. Sie machte sich auf eine Reise um die Welt – von Frankfurt über Berlin und Wien nach Prag, Paris und New York, den damaligen Zentren der Moderne und Avantgarde. Und da die Futura auch die Hausschrift der NASA während des Apollo-Programms war, ist sie bis heute die einzige Schrift auf dem Mond!

Rolle der Schrift im Marketing
Schrift wird vom normalen Leser als Gestaltungselement nicht bewusst decodiert und wirkt deshalb unbewusst – und die Rolle des Un(ter)bewussten in Kommunikation, Marketing und Werbung kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Aber auch der große Trend zu Corporate Fonts, also Schriften, die extra für eine Firma entwickelt oder modifiziert werden, zeigt: Immer mehr Unternehmen versuchen, über besondere Schriften ihre Marken subtil aufzuladen. Oft spielt dabei die Lesbarkeit am Bildschirm eine Rolle: Firmen optimieren die Schriften für die Darstellung auf mobilen Endgeräten. Leider traf das die Futura im Negativen: Über sechs Jahrzehnte war eines der meistverbreiteten Druckerzeugnisse, der Ikea-Katalog, ein Markenbotschafter für die Futura (auch, weil die Schrift weltweit überall verfügbar war) – bis sie durch eine für den Bildschirm optimierte, wesentlich weniger markante Version der Verdana abgelöst wurde.

Wir danken dem Verlag Hermann Schmidt für die Zurverfügungstellung des Bildmaterials aus dem Futura-Katalog.
www.typografie.de

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