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Strategie als Fundament

Lektionen zwischen Freiheit, Verantwortung und Wandel

Strategie als Fundament
Foto: NWP

Ich wusste ziemlich genau, wie Freiheit im Job aussieht – ich hatte sie. 90er-Jahre, mitten in der Musikindustrie: direkt an die Entscheidungsträgerinnen und -träger angebunden, eigene Budgets, Raum für Ideen, Spaß an der Arbeit. Ich durfte kreativ sein, Aktionen ausprobieren, viel Musik hören und mitgestalten. Es war diese Art von Arbeit, bei der du spürst: Ideen sind nicht Deko, sie sind der Motor.

Dann schluckte ein Riese den anderen, der Konzernkauf kam. Und plötzlich wurde aus Freiheit und produktivem Arbeiten ein harter, zahlengetriebener Prozess. Und aus einem lebendigen Umfeld ein Change-Programm, das sich anfühlte wie ein grauer Schleier über allem. Unternehmensberaterinnen und -berater marschierten ein und strukturierten um. Was dabei verloren ging, war genau das, was für mich den Kern ausgemacht hatte: Energie, Eigenverantwortung, kreatives Arbeiten für die Kundinnen und Kunden. 

Für mich war dieser Change furchtbar. Nicht, weil Veränderung per se schlecht ist, sondern weil sie sich so entmenschlicht angefühlt hat: als würde man eine Kultur auseinanderbauen und am Ende hoffen, dass trotzdem noch Musik drin ist.

Meine Gedanken kreisten …
Über Monate kreisten meine Gedanken um dieselben Fragen: Was mache ich, wenn ich auf der Kündigungsliste stehe? Und was, wenn ich bleibe, aber nicht mehr ich bin? Mir war klar: Diese Art von Freiheit würde ich anderswo nicht wiederfinden. Und vielleicht musste ich sie mir selbst schaffen. Also begann ich, mit dem Gedanken zu spielen, Unternehmerin zu werden – ohne wirklich zu wissen, was das bedeutete. Mit dem Tag meiner Kündigung, nachdem ich ein neues Jobangebot ausgeschlagen hatte, machte ich mich selbstständig. Ganz pragmatisch, ohne großes Konzept. Ich nahm den schnellsten Gewerbeschein und mit meinem Marketing-Know-how gründete ich eine kleine Agentur. Mein Glück: Das Musikunternehmen, aus dem ich ausschied, wurde mein erster Kunde. Über ein befreundetes Grafikbüro kamen bald zwei weitere Kunden dazu.

Reality bites
Doch die Realität sah anders aus als der Traum. Angebote schreiben, Preise nennen, Aufträge gewinnen und Unsicherheit aushalten. Unternehmertum war kein kreativer Höhenflug, sondern auch ein System aus vielen kleinen Stellschrauben. Am Anfang hatte ich vor allem eines: operative Energie. Tun. Liefern. Reagieren. Auftritt, Logo, Name, Projekte abarbeiten. Ich hatte weder eine Strategie noch ein Geschäftsmodell, keine klare Antwort darauf, wie ich zu Kundschaft komme. 
Ich arbeitete viel und oft per Zufall. Ich hatte Erfolge, aber auch Rückschläge. Kleine wie große. Was mir fehlte, war Struktur. Ein Plan. Ein Fundament.

Wachgerüttelt hat mich die Geburt meiner Tochter. Plötzlich war glasklar: Wenn ich nicht weiterarbeite, kommt kein Geld. Damals gab es noch kein Kindergeld. Tagsüber war ich mit dem Baby zusammen, Termine machte ich notfalls mit der Kleinen. Gearbeitet habe ich nachts, weil das die einzige Zeit war, in der ich wirklich Ruhe hatte. Die Erschöpfung war brutal, aber sie war ein Wendepunkt. Ich habe verstanden: Wollen und Können allein reichen nicht. Freiheit und Erfolg entstehen nicht durch Mut allein, sondern durch ein tragendes System. 

Neue Wege
Also begann ich, anders zu denken. Ich schrieb einen Businessplan, definierte klar, was ich anbieten will und wie ich Kundschaft gewinne. Ich holte mir ein Sparring mit einem erfahrenen Kollegen und stellte mir nicht nur die Frage nach dem Was, sondern auch nach dem Wohin. Rückblickend war genau das die überraschende Schleife meiner Geschichte. Ausgerechnet jener starre Changeprozess in der Musikindustrie, den ich so verabscheute, wurde zu meiner größten Lernerfahrung. Er zeigte mir, wie man Veränderung nicht gestaltet und weckte in mir den Wunsch, es anders zu tun: Menschen und Unternehmen zu begleiten, nicht weniger professionell, dafür menschlicher. Nicht weniger strukturiert, aber lebendig. So wurde ich selbst Unternehmensberaterin.

Raus aus der operativen Falle
Wenn man in die Selbstständigkeit geht, ist der erste Impuls oft, sofort loszulegen. Das ist verständlich – und doch die größte Falle. Der klügere Start ist leiser, aber wirkungsvoller: innehalten, sortieren, nachdenken, entscheiden. Mein Profitipp: Sagen Sie nicht: „Ich hab’s im Kopf“, schreiben Sie es auf. Denn eine Idee auf Papier ist wertvoller als drei im Kopf.