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Orientierung

schafft Sicherheit, Vertrauen und Identität

Orientierung
Foto: STRUKTIV

Als Designer verstehe ich Orientierungssysteme als integralen Bestandteil von Gebäuden und öffentlichen Plätzen, der allen Menschen eine selbstständige und sichere Nutzung ermöglichen sollte – unabhängig von Alter, Sprache oder Einschränkungen. Es geht dabei nicht nur um einfache Wegweiser, sondern um ein durchdachtes Gesamtkonzept, das Architektur, Gestaltung und Information vereint.

Unsere Instinkte, die auf Licht und Bewegung reagieren, entstehen aus einem komplexen Zusammenspiel biologischer, evolutionärer und kultureller Faktoren. Wir neigen dazu, dem Licht zu folgen und uns an anderen Menschen zu orientieren. An Orten wie Flughäfen oder Krankenhäusern, wo viel Bewegung herrscht, kann das die Orientierung erschweren, da Hektik innere Unruhe erzeugt. Eine ausgewogene Balance zwischen identitätsstiftendem Design und klarer Kommunikation ist entscheidend. Neben dem Sehen spielt das Fühlen eine wesentliche Rolle in der Orientierung. Bodenleitsysteme, mit erhabenen Linien oder Mustern, sind zentrale Elemente. Taktile Karten und Brailleschrift, die mit den Fingern gelesen werden können, bieten zusätzliche Orientierung.

Architektur oder gestalterische Disziplin?
Die Wechselwirkung beider Disziplinen – die enge Zusammenarbeit zwischen Architektinnen und Architekten, Grafik- und Informationsdesignerinnen und -designern – ist notwendig, um ein funktionales und identitätsstiftendes Orientierungssystem zu entwickeln. Diese sollten die Nutzerbedürfnisse in den Mittelpunkt stellen, um eine effektive Kommunikation und Orientierung zu ermöglichen. Auch Menschen mit kognitiven Einschränkungen profitieren von klar strukturierten Gebäuden. Eine übersichtliche Raumaufteilung, wiederkehrende Gestaltungselemente und eindeutig gekennzeichnete Funktionsbereiche reduzieren Stress und Unsicherheit. Kurze Wege, sichtbare und helle Anlaufstellen und verständliche Piktogramme unterstützen die Orientierung zusätzlich. Nur wenn Architektur und Informationsdesign aufeinander abgestimmt sind, entsteht ein stimmiges Gesamtsystem.

Gute Orientierung schafft Ruhe in bewegten Räumen.

Von der Theorie zur Praxis: Herausforderungen und Erfahrungen 
Wir arbeiten derzeit an zwei sehr unterschiedlichen Projekten: dem Stadtamt  St. Pölten und der Caritas St. Pölten.

  • Stadtamt St. Pölten: Im Stadtamt, Bereich Bürgerservice, besteht die Herausforderung darin, in den gewachsenen und teils denkmalgeschützten Räumlichkeiten Struktur zu schaffen. Mit einer klaren und reduzierten Designsprache, starken Kontrasten und eigens entwickelten Piktogrammen versuchen wir, die Orientierung zu verbessern.
  • Caritas St. Pölten: Beim „Haus der Hilfe“ der Caritas St. Pölten wurden wir bereits vor dem Baustart in das Projekt involviert. Dadurch können wir Informationsstandorte, Materialität und Designsprache direkt abstimmen. Auch hier gilt es ein System zu schaffen, das für alle Nutzerinnen und Nutzer verständlich ist, unabhängig von Sprache oder Fähigkeiten. Besonders freut uns, dass wir es geschafft haben, die Menschen aus den Werkstätten der Caritas in die Produktion und Umsetzung des Orientierungssystems mit einzubinden.

Sprache – klar und einfach
Eine Frage zieht sich von Beginn an durch, wie ein roter Faden: Welche Informationen haben Priorität – die wesentlichen aus Sicht der Besucherinnen und Besucher! Ein Beispiel aus einem Projekt verdeutlicht das Dilemma: Der Primar war der Meinung, dass die Abkürzung IMC (Intermediate Care Unit) allgemein bekannt und zeitgemäß sei. Es war ein langwieriger Prozess, ihn davon zu überzeugen, dass ein 75-jähriger Mann, der seine Frau zum ersten Mal nach ihrem Schlaganfall im Krankenhaus besucht, mit dem Begriff „Überwachungsstation“ deutlich besser zurechtkommt. 

Design – Schrift, Farbe und Kontrast
Zu Beginn meiner Selbstständigkeit suchte ich vergeblich nach Hintergrundinformationen zu Orientierungssystemen. Es gab kaum Literatur dazu, also reiste ich durch Europa, um Architektinnen und Architekten, Designerinnen und Designer sowie Bauherrinnen und -herren zu befragen. Diese Erfahrungen habe ich im Buch „Orientation & Identity – Portraits of Way Finding Systems | Porträts internationaler Leitsysteme“ gebündelt. Mein Fazit aus diesen Gesprächen: Ein gutes Orientierungssystem ist identitätsstiftend für das Unternehmen, erweitert die Architektur um eine zusätzliche Dimension und dient als unaufdringlicher Begleiter für Besucherinnen und Besucher. Gleichzeitig spiegelt es die persönliche Handschrift der Gestalterin oder des Gestalters wider.

Warum sind Orientierungssysteme so wichtig? 
Erstens schaffen sie Sicherheit. Wer weiß, wo sie oder er ist und wohin sie oder er möchte, fühlt sich selbstbewusster und handlungsfähiger. Zweitens erhöhen sie die Effizienz. Klare Wegweiser verhindern Umwege und sparen Ressourcen. Drittens fördern sie Selbstständigkeit. Menschen, die sich orientieren können, sind weniger auf Hilfe angewiesen. Schließlich erleichtern Orientierungssysteme das Verstehen von Informationen und machen komplexe Zusammenhänge überschaubar.