Im Werbemonitor suchen

Themen, Personen, Tipps & Leistungen:

Comic Sans

Nimm irgendwas anderes!

Foto: iStock.com/SDI Productions

Wir setzen uns im letzten Winterurlaub nach einem intensiven Skivormittag in eine Hütte, um dort neue Kräfte zu sammeln. Das Lokal ist gemütlich ausgestattet, die Vollholzgarnitur mit gemustertem Stoff bezogen, Lampen aus Messing, gedämpfte, angenehme Beleuchtung – ein wahres Schmuckstück.

Dann kommt die Speisekarte. Gebunden in schwerem Leder mit eingeprägtem Logo, einfach wunderschön. Ich öffne sie und mir entfährt ein Seufzen. „Na geh bitte. Comic Sans!“, tönt es aus mir heraus, ohne zu merken, dass der Besitzer des Lokals bereits neben mir steht, um die Bestellung aufzunehmen. Ein Fettnäpfchen. Ein empörter Blick. Und in weiterer Folge mehr über die rechtliche Komponente einer Schriftart.

Wie die meisten gestalterisch tätigen Menschen habe auch ich eine Ablehnung gegen Comic Sans. Die größte Sammlung an Schriften (my-fonts.com) beinhaltet rund 130.000 Schriftarten. Da es noch zahllose kostenlose Schriften gibt, ist die genaue Anzahl kaum festzustellen. Trotzdem stößt man in seinem Alltag unweigerlich auf diese eine Schrift.

Der Entwickler selbst, Vincent „Vinnie“ Connare, schreibt auf seiner Website, es wäre nie die Intention gewesen, Comic Sans in anderen Anwendungen zu verwenden als in solchen, die explizit für Kinder gedacht sind. Er wollte damit keine neue Schrift in diesem Sinne entwickeln. Seit 1994 hat diese Art der Zeichendarstellung jedoch bedauerlicherweise den Weg auf Geschäftsschilder, Visitenkarten und eben auch in Speisekarten gefunden.

Die wenigen öffentlichen Befürworter heben die gute Lesbarkeit, die vor allem Menschen mit Legasthenie entgegenkommen soll, hervor. Als Alternative möchte ich hier eine Lanze für die Schrift „Open Dyslexic“ brechen. Diese ist kostenlos und erwiesenermaßen hilfreich für Menschen mit Leseschwäche. Abgesehen von einem Limonadenstand, der von Tafelklasslern betrieben wird, möchte ich für alle anderen Anwendungen auf die vielen, mindestens 129.999 Schriftarten verweisen und damit meinen Beitrag zu einer Comic-Sans-freien Gestaltung leisten. Aber Obacht! Gratis ist nicht gleich umsonst!

Es gibt mindestens 129.999 Alternativen zu Comic Sans.

Über die rechtliche Komponente einer Schriftart
Als Schriftart kann man in der Typografie etwa die grafische Gestaltung eines Zeichensatzes verstehen. Typografie hingegen versteht sich als eigenständige Form der angewandten Kunst. Bei der Frage, ob eine Schriftart urheberrechtlichen Schutz genießt, scheiden sich die – höchstgerichtlichen – Geister innerhalb Europas. Ganz grundsätzlich kann auf einige allgemeine Rechtssätze hinsichtlich des Urheberrechtes zurückgegriffen werden: Unter einem Werk ist nur das Ergebnis einer schöpferischen geistigen Tätigkeit zu verstehen, das seine Eigenheit, die es von anderen Werken unterscheidet, aus der Persönlichkeit seines Schöpfers empfangen hat (RIS-Justiz RS0076841). Der künstlerische Wert einer Schöpfung ist für die Frage ihrer urheberrechtlichen Schutzfähigkeit ohne Bedeutung (RIS-Justiz RS0076252), die „statistische Einmaligkeit“ (mithin die bloße Tatsache, dass sich eine Schöpfung mit hoher Wahrscheinlichkeit von allen bisher dagewesenen unterscheidet) reicht aber nicht aus (4 Ob 216/07d, 4 Ob 274/02a).

Ausschlaggebend ist vielmehr die individuelle Eigenart: Die Leistung muss sich vom Alltäglichen, Landläufigen und üblicherweise Hervorgebrachten abheben (RIS-Justiz RS0076397; RS0115496). In einer Entscheidung von 1999 wurde einem aus zwei Worten in verschiedener Schriftart bestehenden Logo aufgrund der speziellen Kombination der beiden Elemente Schutz nach dem Urheberrecht zuerkannt (4 Ob 159/99g, 4 Ob 142/15h). Für die Schriftarten an sich wird dies wohl nicht gelten. In einer weiteren Entscheidung aus 2007 sprach der OGH (Oberste Gerichtshof) aus, dass Blockbuchstaben zum Gemeingut gehören und kleine Unregelmäßigkeiten noch nicht als eigentümliche geistige Schöpfung anzusehen sind (4 Ob 103/07m). 2015 wurde einer auf Basis einer Handschrift entwickelten Schriftart der urheberrechtliche Schutz mangels Werkeigenschaft verwehrt (4 Ob 142/15h).

Musterschutz
Demgegenüber ist eine Schriftart gemäß § 1 Abs 3 MuSchG als „typografisches Schriftbild“ ein dem Musterschutz zugängliches Erzeugnis. Diese muss jedenfalls eine Eigenart aufweisen und neu sein. Das Schutzrecht kann für höchstens 25 Jahre erworben werden. Im Zuge des Eintragungsverfahrens werden die Voraussetzungen jedoch nicht geprüft, die Schriftart muss im Streitfall also einer Prüfung dieser Eigenschaften standhalten können. Nicht außer Acht zu lassen ist natürlich auch der lauterkeitsrechtliche Schutz nach UWG (Gesetz gegen unlauteren Wettbewerb).

Was gilt also nun konkret für Schriftarten in rechtlicher Hinsicht? Aus den oben dargelegten Ausführungen lässt sich jedenfalls die unter Juristen beliebte Conclusio ziehen: „Eine genauere Einschätzung bedarf der Einzelfallprüfung“, was nichts anderes bedeutet als: „Es kommt darauf an.“ Nutzer von Schriftarten sind jedoch im Allgemeinen gut damit beraten, sich die Nutzungsbewilligung (Lizenzvereinbarung) der Anbieter von verwendeten Schriftarten zu Gemüte zu führen. Dies jedenfalls VOR der Veröffentlichung.

Die Datenverbindung wurde unterbrochen, klicken Sie auf Aktualisieren um die Verbindung wieder herzustellen.

Eine Unterbrechung der Datenverbindung verhinderte das Laden der Seite. Die Seite reagiert erst nach dem Aktualisieren wieder. Aktualisieren 🗙